alte geschichte

erst letztens erzählte ich einem bekannten / freund eine geschichte aus meiner zeit als zivi.

ich hatte gerade frisch auf der krebsstation begonnen, als ich bei der frühschicht den auftrag bekam, einer älteren patientin das frühstück zu geben. ich also in das einzelzimmer und versucht, die alte dame zum essen zu bewegen. nach einer anstrengenden halben stunde, in der ich alles versuchte, was mir als anfänger zur verfügung stand, bin ich zurück ins stationszimmer um dort allen schwestern und anwesenden ärzten zu erklären, dass die frau bald verhungern wird. sie habe nämlich nur ein halbes brötchen, einen halben becher joghurt und eineinhalb tassen tee zu sich genommen. die stationsschwester fragte die mengen nochmals ab, grinste in die runde und meinte: "so, ab jetzt gehst du immer zu ihr hin".
tja, das tat ich dann auch.
verbrachte also mehrere wochen mit ihr, betten, essen geben, pflegen, anus-präter-beutel wechseln ... was halt so angesagt war. ich hatte auf der station damals noch das glück, dass sie mich als zivi nicht als ersatz-pfleger einsetzten, sondern als zusätzliche kraft, so dass ich auch mal etwas länger bei einem patieten bleiben konnte. bei ihr, frau h., blieb ich immer gerne, denn sie erzählte viel aus alten zeiten und war einfach eine nette, alte (wenn auch schwer kranke) alte dame.
besonders mochte sie es, wenn ich ihr den rücken mit franzbrantwein einrieb oder einfach etwas dagesessen bin und während der unterhaltung ihre hand gehalten habe. aber ich war immer auch gerne bei ihr, sie sah die welt mit anderen augen, war bei vielen themen einfach gelassener und hatte einen anderen zeitbegriff als ich. will nicht behaupten, dass mir damals irgendetwas 'klar' geworden wäre, aber als junger mann denkt man über manche antworten einfach nach. einmal fragte ich sie, wann sie denn zuletzt im theater gewesen sei. sie erzählte von aufführungen, schauspielern, regisseuren und meinte dann: "aber nach dem krieg bin ich dann nicht mehr hin, das neue theater ist ja häßlich."
eines abends, als ich sie für die nacht gebettet hatte, bin ich kurze zeit später nochmals in ihr zimmer, einfach so, um gute-nacht zu sagen. da drehte sie sich auf den rücken, schaute mich an und sagte: "wissen sie, wenn ich nochmals jung wäre, dann würde ich ihnen eine nacht mit mir schenken". drehte sie um und schlief demonstrativ.
mensch, ich war zwanzig, sie über siebzig - harold and maude.
nach einem freien wochenende bin ich montag zur frühschicht auf station. man kannes mir glauben oder nicht, aber als ich die station erreichte, wußte ich, dass sie tot war.
die nachtschwester kam mir entgegen, nahm mich spontan in den arm und sagte nur: "wäre schön gewesen, hättest du dabei sein können".

er hat sich die geschichte gemerkt und will jetzt photos dazu machen. freut mich ungemein, vorallem für frau h.
hannes (anonym) - 9. Dez, 22:38

danke...

. wenn die bilder fertig sind. dann möcht ich sie hier bei dir gerne sehen

Samuel B. - 10. Dez, 00:12

gerne! das 'technische' klären wir dann noch. bin gespannt.
irie_ways - 9. Dez, 23:01

Ich bewundere alle Menschen die diese gewisse Geduld mitbringen, die für solche Menschen einfach notwendig ist. Ich kann sowas sehr schlecht, irgendwie bin ich da nicht der Typ dafür. Zum Glück gibt es Menschen wie dich, die dann andere Menschen nicht nur als vorhandenes Übel sehen.

Samuel B. - 10. Dez, 00:10

glaub bloß nicht, dass ich das von anfang an schon konnte! da war auch 'furcht' im spiel, und bei manchen dingen überwindung. und das hat auch ne zeit gedauert. ich meine, bspw., so nen künstlichen darmausgang zu versorgen, vorallem, wenn man das noch nie gesehen hat, ist schon so ne sache für sich. aber - und das war ja das interessante - irgendwann ist das eine ganz normale tätigkeit, und in dem moment, wo man seine eigene scheu, meinetwegen auch seinen eigenen ekel überwunden hat, konnte ich auch gegenüber frau h. gelassen und sicher auftreten, worauf sie wiederum es auch vielleicht besser akzeptieren oder annehmen konnte.
und ich hab vielen patienten den rücken eingerieben, am anfang immer mit handschuh, bis mir irgendwie klar geworden ist, es geht auch um das medizinische, aber da gibt es auch einen moment mehr.
und wenn jemand bewundert werden soll, dann sind's echt die kranken- und altenpfleger, die das jeden tag machen, und (viele von ihnen) jeden tag die leistung erbringen, sich auf ihre 'schüztlinge' einzulassen, die echt nicht immer einach sind.
books and more - 10. Dez, 10:20

Schöne, berührende Geschichte!

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