vatererinnerungen
mein vater war schon recht schweigsam. und ich hab ihm mal vorgeworfen, er solle doch ins kloster gehen, da könne er dann in aller ruhe schweigen. meine mutter nahm mich dann zur seite und meinte, da hätte ich ihn aber beleidigt. aber ich hab das damals nicht eingesehen.
und gerade im chat durfte ich lesen:
XY (21:01):
klar, im verhältnis zu dir spricht jeder viel
XY (21:01):
sogar stumme
mir verschlägt es die sprache
vatererinnerungen - 22. Apr, 21:02
ich vermute, wenn mein vater noch leben würde, er jetzt 81 wäre, er hätte das heft abonniert und würde mir jeden monat sagen, was ihm gefallen hat oder erzählen, was er zu einzelnen themen noch weiß.
als kind durfte ich sylvester nie aufbleiben. das ging bis mindestens bis zwölf jahre oder so - ich glaube sogar noch länger.
traditionell gab es am frühen abend immer feuerzangenbowle in der familie. das ereignis durften wir noch miterleben. war immer sehr aufregend und nach aussagen meiner mutter ja auch "sehr gefährlich". vater zelebrierte die zeremonie. ich glaube, es hat ihm spaß gemacht und ich glaube, er hat es inszeniert, nicht nur, um die kinder zu beeindrucken.
als kleiner steppke war es schon was absolut besonderes, ne flamme im wohnzimmer zu haben. und immer dann, wenn er rum nachgoß, und die flamme groß wurde und der löffel brannte und das brennende zuckerrumgemisch in die bowle tropfte - dann war das besser als fernsehn und was ich sonst erlebt habe.
und ich schwöre (immer noch): einmal hat er es geschafft, dass die flamme bis zur decke reichte!
fällt mir gerade ein, weil ja bald weihnachten ist.
dieses jahr, wie alle zwei jahre, wieder bei muttern.
schlimmstes weihnachten, an das ich mich eben gerade erinnerte, war in dem jahr, als mein bruder tödlich verunglückt war. mein vater schenkte uns 'überlebenden' kindern jeweils ein kleines album mit photos unseres nun toten bruders. in dem moment war dann aber auch alles vorbei. sowas wie freude oder festliche stimmung oder nur auch eine ahnung davon ist nicht aufgekommen, wie denn auch? und wir waren alle gott froh, als dieses 'fest' vorbei war.
ich hab dann rebelliert und eingefordert, dass die nächsten weihnachten nieeee wieder so ablaufen, wie die mit der gesamten familie. was für ein kampf! fing an, dass ich wollte, dass es das abendessen vor der bescherung gab; dass das traditionelle weihnachts-abendessen abeschafft wird; dass dieses ganze zeremoniell abgeschafft wird; dass es nur noch ein geschenk gibt; dass freunde dabei sein dürfen; dass ...
ok, alles hab ich nicht durchsetzen können, aber die mir wesentlichen punkte dann schon.
und irgendwann gabs dann auch mal so anmerkungen, also jahre später, dass die ideen von mir soo schlecht ja nicht gewesen wären.
heute, auch jetzt, wo vater tot ist, kriegen wir weihnachten eigentlich ganz gut über die bühne.
und als er mir das kleine photoalbum in die hand drückte, schauten wir uns nur kurz in die augen - da hab ich sein schweigen genossen, denn: was hätte man da noch sagen sollen?
vatererinnerungen - 29. Nov, 23:11
zu den nicht ganz so schönen erinnerungen gehört die sache mit der
höhensonne.
als kind war ich wohl etwas 'schwächlich' und musste auf anraten der kinderärztin eine zeitlang mich vor die höhensonne stellen. dazu wurde das gerät in der küche aufgestellt, ich musste mich nackt ausziehen, eine doofe schutzbrille aufziehen und mich minuten von vorne und minuten von hinten (gefühlte zeit: jeweils ne halbe stunde) bestrahlen lassen. (zudem roch das noch komisch) er machte das immer sehr gerne mit und mir war es einfach nur peinlich vor ihm nackt zu sein - und so drehte und wendete ich mich hin und her, und war froh, wenn die tortur ein ende hatte.
zu den schönsten erlebnissen mit meinem vater gehören mit sicherheit die sonntagmorgende im bad. wenn ich, als kleiner fatzke im schlafanzug neben dem großen, nackten mann stand und mit größtem interesse ihm beim rasieren zuschaute - der inbegriff von 'erwachsen'.
die warme luft im bad, die luftfeuchtigkeit, und ich hatte ihn ein paar minuten ganz für mich alleine.
gesprochen haben wir wenig - aber das war so eine 'intimes' schweigen, was nur uns beiden gehörte.
vatererinnerungen - 23. Okt, 11:04
er war ein weinkenner. er musste es sozusagen mit seinem neuen job damals werden. aber ein bodenständiger. kein verrückter, der weine jenseits von 200 euro kauft oder so. schätzungsweise wird der teuerste wein im keller so um die 50 euro gekostet haben, wenn überhaupt.
ich war mitte zwanzig, als ich mich darüber lustig machte, dass man weine am jahrgang erkennen könnte.
kurz darauf, war ich mit ihm einen abend alleine. er fragte, ob ich nicht einen schluck wein mit ihm probieren wollte. ich war davon nicht so richtig begeistert, aber warum nicht? in seinem arbeitszimmer hatte er dann vier gläser hingerichtet, zwei flaschen waren offen. ich solle doch mal aus dem vorderen glas trinken, dann aus dem hinteren.
mein urteil war klar: zwei weine.
er drehte die flaschen mit dem etikett nach vorne. derselbe wein - zwei jahrgänge.
meine mutter hat über die jahre nach seinem tod die flaschen aus demweinkeller an uns kinder verschenkt. die vorletzte habe ich aus anlaß seines bevorstehenden 'virtuellen' 80. geburstags vor zwei wochen mit freunden getrunken.
die letzte flasche werde ich nicht trinken. sie wird einfach immer mit mir umziehen und im weinregal in der küche liegen.
vatererinnerungen - 20. Okt, 14:23
er war ein 'emanzipierter' mann. was das heißen soll: seit ich denken kann, stand er - und nicht meine mutter - am wochenende in der küche. und es war für ihn auch selbstverständich am samstag den wochenendeinkauf entweder alleine oder mit unserer mutter oder mit uns kindern zu machen - da gab es keine diskussion.
ich bin mal bös und behaupte, er konnte nur eine handvoll gerichte. aber in meiner erinnerung festeingebrannt ist für sonntags: kotletts mit kartoffelbrei und brauner soße (und wohl nen gemüse und wohl nen salat - den aber die mutter machte). später dann steak romanof, mit einer soße, die ich heute noch auf der zunge habe und soo gerne mal wieder schmecken würde.
und samstags, ja da gab es
gaisburgermarsch (das verlinkte rezept ist schon verdammt gut, aber enthüllt natürlich nicht die genaue familienversion, die u.a. darin bestand, die kartoffeln in einem teil der fleischbrühe zu garen) - und wer hat diesen nicht besser machen können als er? (rethorische frage, da niemand.)
natürlich konnte er auch perfekt pommes machen.
ok, dass die küche, nach aussagen meiner mutter, danach wie ein schlachtfeld aussah, ist ne andere geschichte.
und er war so einer, der auch noch nachts um halb zwölf anfing, mal schnell noch ne portion spätzle zu machen, wenn es ihm danach war. und die schmecken eh am besten, wenn sie direkt aus dem zweiten wasser kommen, aber um halbzwölf noch dreimal so gut.
vatererinnerungen - 15. Okt, 23:03
den ganzen tag an vater gedacht.
den ganzen tag das übliche getan.
nicht einmal eine kerze angezündet oder sonst irgendetwas 'sichtbares' oder 'hörbares' getan.
er ist so fern so nah zugleich.
als er starb, als er tot war, als ich nochmals die leiche mir anschaute, die alles andere war, als mein vater, die mich auch nicht schreckte, die auch nicht das letzte bild ist, was ich von ihm habe, als ich 24 stunde schwieg und worte suchte, die ich nicht fand, erinnerte ich mich an die zeilen von
auden, dessen gedicht durch
vier hochzeiten und ein todesfall bekannt geworden ist:
Haltet alle Uhren an,
laßt das Telefon abstellen,
Hindert den Hund daran,
den saftigen Knochen anzubellen,
Klaviere sollen schweigen,
und mit gedämpftem Trommelschlag,
Laßt die Trauernden nun kommen,
tragt heraus den Sarg
nichts davon ist damals wie heute wirklich geschehen.
trotz allem: eine kerze brennt dann doch in mir und mein kopf, wie wenigen stunden vor seinem tod, ruht auf seiner hand, ich spüre seine wärme, nähe.
heute wäre mein vater, wenn er denn noch am leben wäre, 80 geworden. hätte ihm (und meiner mutter) das schon gegönnt - aber wünschen hat ja noch nie geholfen. (na ja, vielleicht als kleines kind zu weihnachten, da hat es manchmal geklappt - aber später ...)
er starb vor dreizehn jahren, bauchspeicheldrüsenkrebs.
als die diagnose noch nicht so deutlich war und man entschlossen hatte ihn zu operieren, wusste ich in dem moment, dass er bald sterben wird, als mein bruder anrief und meinte, es sei alles gut gelaufen, die operation hätte nur eine stunde gedauert.
dauerte dann nur noch wenige wochen. wenn man mich auf diese wochen anspricht (und ich in erzähllaune bin, was bei diesem thema eher selten der fall ist) rede ich wohl ne stunde ohne punkt und komma.
als ich kind war er mir immer zu still. muss ihn wohl mal tief beleidigt haben, als ich ihm vorwarf, er solle doch ins kloster gehen, da könne er noch viel besser schweigen. (meine mutter hat mich danach auf die seite gezogen und klartext gesprochen.) später hat er mich immer mit fundierten kenntnissen aus allen möglichen breichen überrascht.
manchmal überlege ich, was ich von ihm geerbt habe.
es gibt nur ganz wenige bilder, auf denen wir beide zusammen drauf sind. drei hängen nun im flur, da werde ich wohl vier oder fünf gewesen sein und wollte unbedingt auf seinen arm.
als er gestorben war, habe ich 24 stunden nicht mehr gesprochen.